Risiko und Schutzfaktoren

line

Unter den Risikofaktoren werden im Folgenden solche Faktoren verstanden, die ein Risiko für die Entwicklung der emotionalen Kompetenz darstellen und zu Störungen dieser führen können. Es wird zwischen den Risikofaktoren des Kindes (wie z.B. den Vulnerabilitäts- faktoren) und den Risikofaktoren von Seiten der Eltern unterschieden.

Als ein Risikofaktor des Kindes gilt die temperamentsbedingte Vulnerabilität, unter der man die angeborene, temperamentsbedingte Anfälligkeit oder Verletzbarkeit meint. Zudem zählen Entwicklungsstörungen, sowie internalisierende und externalisierende Verhaltensstörungen zu den Risikofaktoren des Kindes. Säuglinge und Kinder mit solchen Risikofaktoren fallen, im Gegensatz zu normal entwickelten Kindern, in ihrem Verhalten dadurch auf, dass sie nur wenige Regulationsstrategien kennen und nutzen.

Außerdem zeigen diese Kinder in emotionalen Situationen ein hohes Maß an physiologischer Erregung und drücken überwiegend negative Emotionen aus. Dieses Verhalten verursacht oftmals Störungen der emotionalen Entwicklung, was sich u.a. im Mangel an emotionalen Kompetenzen wie: Emotionsausdruck, Emotionsverständnis und die Emotionsregulation äußert (vgl. Petermann und Wiedebusch, 2003, S. 95).

Leuzinger-Bohleber (2009) weist auf Studien von Farber und Egleland (1987) hin, die zeigten, dass Kinder, welche zunächst als widerstandsfähig eingeschätzt wurden, nach mehreren Jahren durchaus ein höheres Maß an Vulnerabilität zeigten. Somit müsse davon ausgegangen werden, dass sich die kindliche Vulnerabilität innerhalb des Entwicklungsverlaufs durchaus ändern könne. In einer Studie zu ADHS-Kindern sei zudem herausgekommen, dass es bei diesen eine Verbindung zwischen frühen Trennungstraumatisierungen und ihrer spezifischen Vulnerabilität zu geben scheint. Diese Ergebnisse deuten ebenfalls darauf hin, dass sich die Vulnerabilität des Kindes (z.B. aufgrund des Alters oder bestimmter Erfahrungen) ändern kann (vgl. Leuzinger-Bohleber, 2009, S. 77f.; 213).

Petermann und Wiedebusch (2003) beschreiben, dass eine temperamentsbedingte Vulnerabilität bei Kindern mit einer Verhaltenshemmung vorliegt. Diese Vulnerabilität äußere sich vor allem durch eine hohe physiologische Reaktivität und einer hohen negativen Emotionalität der Kinder. Es wird davon ausgegangen, dass verhaltensgehemmte Kinder eine genetisch bedingte, erniedrigte Erregungsschwelle haben. Dies zeigt sich beispielsweise in neuen, unvorhergesehenen Situationen, in denen die Kinder durch einen schnellen Anstieg der physiologischen Erregung auffallen. Der dadurch verursachte Anstieg des Noradrenalinspiegels, so Petermann und Wiedebusch, erhöhe die zentralnervöse Informationsübertragung, was bei den Kindern zu Denk- und Handlungsblockaden führt. Diese Blockaden können wiederum zu einer Verhaltenshemmung der Kinder führen, wodurch es den Kindern schwer fällt diesen Kreislauf zu unterbrechen. Unterschiedliche Studien belegten, dass eine temperamentsbedingte Vulnerabilität der Kinder ein erhöhtes Risiko für psychische Störungen in der weiteren Entwicklung darstellt.

Kinder mit Krankheitsbildern wie Down-Syndrom oder Autismus, sowie Verhaltensstörungen verfügen in den meisten Fällen nicht über eine ausreichende emotionale Kompetenz. Somit gelten diese Krankheitsbilder ebenfalls als Risikofaktoren für die emotionale Entwicklung. (vgl. Petermann und Wiedebusch, 2003, S. 98 f.).

Risikofaktoren der Eltern

Als Risikofaktoren auf Seiten der Eltern gelten vor allem psychische Störungen, wie z.B. Depression und unangemessenes Verhalten der Eltern, wie z.B. Vernachlässigung. Durch diese Risikofaktoren entsteht eine gestörte Eltern-Kind-Interaktion, was sich in dem Verhalten der Eltern durch mangelnde Responsivität, häufiger Ausdruck negativer Emotionen und durch eine geringe Unterstützung bei der Emotionsregulation der Kinder zeigt. Dieses elterliche Verhalten bedingt Störungen der emotionalen Entwicklung des Kindes. Wie auch bei den Risikofaktoren des Kindes, führen die elterlichen Risikofaktoren zu einem Mangel an emotionalen Kompetenzen (vor allem dem Emotionsausdruck, – verständnis und –regulation). Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die sich mit depressiven Müttern und der emotionalen Entwicklung ihrer Kinder beschäftigt haben und Beeinträchtigungen der emotionalen Fertigkeiten der Kinder beobachteten.

Dabei stellte man fest, dass die Kinder eine erhöhte physiologische Reaktivität aufweisen, nur selten positive – aber häufig negative Emotionen zeigen und der Erwerb von Selbstregulationsstrategien verzögert ist.

Zudem zeigen sie nur ein geringes Repertoire an Emotionsregulationsstrategien (vgl. Petermann und Wiedebusch, 2003, S. 115).

Saarni (1999) weist ebenso auf derartige Studien hin, welche belegen, dass die Kombination aus einer depressive Mutter und einem mental unausgeglichenen und verhaltensauffälligen Vater im Vergleich zu anderen Versuchsgruppen (mit z.B. nur einer depressiven Mutter) die meisten Probleme im späteren Alter verursachen. Ebenso konnten negative Auswirkungen, wie z.B. ein hohes Maß an Aggressivität bei Kindern nachgewiesen werden, die mit ihrer depressiven Mutter alleine lebten (Saarni, 1999, S. 234).

Durch eine unsichere Bindung zur Mutter, welche häufig bei Säuglingen depressiver Mütter beobachtet wird, erwerben die Kinder oftmals einen Vulnerabilitätsfaktor für ihre weitere Entwicklung. Diese, durch Studien gestützte Aussage zeigt deutlich, dass die Vulnerabilität des Kindes nicht nur genetisch bedingt, sondern auch durch äußere Einflüsse veränderbar ist. Bei dem Risikofaktor einer depressiven Mutter sollte berücksichtigt werden, dass dieser Risikofaktor möglicherweise schon in der pränatalen Phase auf das Kind einwirkt. So konnten Studien schon bei Neugeborenen depressiver Mütter einen erhöhten Stresshormonspiegel nachweisen. Bereits bei den Föten im Mutterleib wurde festgestellt, dass sich diese langsamer und seltener bewegten als bei denen gesunden Müttern. Weiter konnten Goodman & Gotlib (1999) in ihren Studien beobachten, dass die Kinder durch das Interaktionsverhalten ihrer depressiven Mütter ähnliche Verhaltensweisen, Kognitionen und Emotionen wie diese entwickeln (vgl. Petermann und Wiedebusch, 2003, S.117 f.).

Holodynski (2006) bezieht sich auf eine Studie über Säuglinge und ihre depressiven Müttern. Diese ergab, dass die Säuglinge depressiver Mütter mehr Ärger- und Trauerausdruck und weniger Interesseausdruck in der Face-to-Face Interaktion mit ihren Müttern zeigten, als Säuglinge nichtdepressiver Mütter (vgl. Holodynski, 2006, S. 103).

Ein weiterer Risikofaktor für die emotionale Entwicklung des Kindes ist die Misshandlung durch die Bezugspersonen, wobei bisher nicht untersucht werden konnte, ob unterschiedliche Formen der Misshandlung unterschiedliche Auswirkungen haben. Sicher ist jedoch, dass die misshandelten Kinder große Defizite in der emotionalen Kompetenz aufweisen. Diese bestehen aus einem häufigen Äußern negativer Emotionen, einem eingeschränkten mimischen Emotionsausdruck, ein oft situationsunangemessener Emotionsausdruck, sowie ein eingeschränktes Emotionsvokabular. Des Weiteren zeigt sich bei den Kindern ein mangelndes Emotionsverständnis, eine beeinträchtigte Fähigkeit, den mimischen Ausdruck anderer Personen zu interpretieren und eine unangemessene Emotionsregulation (vgl. Petermann und Wiedebusch, 2003, S. 127 f.). Weitere Studien über missbrauchte Kinder zeigten, dass diese eine größere Konfliktbereitschaft und aggressives Verhalten Gleichaltrigen gegenüber aufweisen. Die Misshandlung hat ebenso einen großen Einfluss auf die Empathiefähigkeit der Kinder.

In einer Studie, in der Kinder mit einem weinenden Kind konfrontiert wurden, wurde bei misshandelten Kindern beobachtet, dass diese keine Empathie diesem Kind gegenüber zeigten. Statt dem weinenden Kind Trost zu spenden oder auf es einzugehen, zeigten die misshandelten Kinder im Gegensatz zu den anderen ein eher aggressives Verhalten dem Kind gegenüber und attackierten es sogar (vgl. Saarni, 1999, S. 181; 272). Starke mütterliche Stressgefühle und Angstzustände können während der Schwangerschaft ebenfalls ein Risikofaktor sein, da der Fötus im Mutterleib die von der Mutter ausgestoßenen Stresshormone aufnimmt. Die pränatale Phase geht bei dem Nennen von Risikofaktoren in der Literatur oft unter, dabei findet gerade in dieser Phase die Ausbildung wichtiger Organe statt, die von dem Hormonhaushalt der Mutter stark beeinflusst werden kann (vgl. Rittelmeyer, 2005, S. 23 f.).

Bowlby (2005) beschreibt einen weiteren Risikofaktor für die emotionale Entwicklung, nämlich den der Mutterentbehrung. Eine längere Unterbrechung der Mutter-Kind-Beziehung während der ersten drei Lebensjahre hätte einen erheblichen Einfluss auf die kindliche Persönlichkeit. Die Kinder, welche eine derartige Trennung von ihrer Mutter in den ersten Jahren erlebten, scheinen gefühlsmäßig gehemmter und isolierter als andere. Ebenso gelänge es diesen Kindern nicht, liebevolle Bindungen zu anderen aufzubauen und sie seien zu echten Gefühlsbindungen nicht in der Lage. Bowlby weist in seinem Buch „Frühe Bindung und kindliche Entwicklung“ mehrfach auf die Auswirkungen der Mutterentbehrung hin, wie z.B. der Entwicklungsverzögerung der Kinder (vgl. Bowlby, 2005, S. 20; 32 f.). Schubert (1996) schließt sich dem an und geht im Bezug auf die Mutterentbehrung auf unterschiedliche Studien ein, welche mehrfach gezeigt haben, dass die Trennung von der Mutter erhebliche Folgen für die emotionale Entwicklung des Kindes verursacht.

Die von den Müttern getrennten Kinder würden es vermeiden, ihre Gefühle offen zu zeigen und hätten Schwierigkeiten damit, ein Gefühl des Vertrauens anderen gegenüber zu entwickeln (Schubert, 1996, S. 99 f.).

Schutzfaktoren und Resilienz

Man spricht von „Resilienz“ (was so viel wie „Widerstandsfähigkeit“ heißt), wenn sich ein Kind trotz hoher Risikofaktoren für seine emotionale Entwicklung normal entwickelt. Leuzinger-Bohleber bezieht sich auf einige Studien, welche sich mit resilienten Kindern beschäftigt haben, d.h. sich trotz erlebter Misshandlungen oder anderen Risikofaktoren positiv entwickelten. Bei diesen Kindern konnte man, im Vergleich zu nicht-resilienten Kindern, feststellen, dass es für die gute Bewältigung nicht nur der inneren Kräfte der Kinder, sondern auch mindestens einer verlässlichen, guten Beziehungserfahrung bedarf.

Diese Beziehungserfahrung bildete bei den untersuchten Kindern ein Gegengewicht zu den oft zu Hause erlebten Misshandlungen. Bei den Bezugspersonen, auf die sich die resilienten Kinder stützen konnte, handelte es sich nicht nur um beispielsweise die Großmutter, sondern auch häufig um außerfamiliäre, z.T. auch professionelle Bezugspersonen (vgl. Leuzinger- Bohleber, 2009, S. 18; 182 f.). Als Schutzfaktoren gelten persönliche, soziale und institutionelle Ressourcen, welche eine positive Entwicklung des Kindes fördern, obwohl Risikofaktoren vorhanden sind. Persönliche Schutzfaktoren des Kindes können beispielsweise eine gute Gesundheit , eine angemessene Leistungsorientierung und eine frühe Selbstständigkeit sein. Unter sozialen Schutzfaktoren werden Faktoren wie die Qualität der Schule und der Zusammenhalt innerhalb der Familie gemeint (vgl. Grob und Jaschinski, 2003, S. 190 f.). Wenn ein Kind aufgrund bestimmter Risikofaktoren in einer Heimunterbringung lebt könnte ein Schutzfaktor beispielsweise die Qualität des Heims sein. Bowlby (2005) stellt den Risikofaktor der Mutterentbehrung, z.B. aufgrund einer notwendigen Heimunterbringung oder Adoption in den Vordergrund. Im Falle einer solchen Mutterentbehrung könnten Schutzfaktoren z.B. ein Heim mit liebevollen Bezugspersonen oder eine Pflegefamilie sein, welche das Kind unterstützt (vgl. Bowlby, 2005, S. 103 f.).

Auch Saarni (1999) beschreibt, dass der beste Schutzfaktor, den ein Kind haben kann um eine Resilienz zu entwickeln und mit den Risikofaktoren somit gut umgehen zu können, eine emotional verantwortungsvolle Betreuung ist. Jedoch müsse auch beachtet werden, dass eine gewisse Intelligenz des Kindes, sowie eine anpassungsfähige, innere Stärke ebenfalls eine wichtige Voraussetzung dafür sei, um eine Resilienz zu entwickeln (vgl. Saarni, 1999, S.328).

Um die Resilienz eines Kindes mit vorhandenen Risikofaktoren zu fördern, sollte man ihm ermöglichen eine verlässliche und liebevolle Beziehung zu einer Bezugsperson aufzubauen, sowie das Selbstvertrauen und das Gefühl der Selbstwirksamkeit dieses Kindes zu stärken.