Prävention / Intervention bei vorhandenen Risikofaktoren

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Während ich bisher überwiegend primäre Präventionsprogramme vorgestellt habe, die sich an alle Eltern oder alle Kinder einer KiTa / Grundschule richten, werde ich des weiteren auf Interventionsprogramme eingehen, welche sich an Menschen mit bestimmten vorhandenen Risikofaktoren richten. Die Förderung der emotionalen Kompetenz bei diesen, für bestimmte Risikofaktoren konzipierten, Interventionsprogrammen wird als sekundäre Präventionsmaßnahmen gesehen.

Ich werde im Folgenden einige Beispiele von Interventionsprogrammen für bestimmte Risikofaktoren von Seiten der Eltern- als auch von Seiten des Kindes eingehen.

Interventionsprogramm für Adoptiveltern

Das „Interventionsprogramm für Adoptiveltern“ wurde speziell für Eltern entwickelt, welche einen Säugling adoptiert haben. Da die Mutterentbehrung des Kindes einen Risikofaktor für dessen emotionale Entwicklung darstellen kann, ist es wichtig von Anfang an eine sichere Bindung zwischen dem Adoptivkind und den Adoptiveltern zu fördern. Teil des Interventionsprogrammes sind mehrere Hausbesuche bei der Adoptivfamilie innerhalb des ersten Lebensjahres des Kindes.

Während dieser Hausbesuche finden zwei Trainingskomponenten statt. Zum einen wird den Adoptiveltern von dem Trainingsleiter erklärt, was responsives Elternverhalten bedeutet, zum anderen erhalten sie ergänzend ein Buch über den positiven Einfluß dieser Responsitvität auf die kindliche Entwicklung. Zum anderen finden während der Hausbesuche Videositzungen statt, in denen die Adoptiveltern ein Feedback zu ihrem (auf dem Video aufgezeichneten) Verhalten gegenüber dem Kind, sowie Anregungen zur Verbesserung erhalten. Diese Trainingskomponenten sollen die Beobachtungsfähigkeit und Empathie der Adoptivmutter fördern. Wenn in den Videoaufnahmen ein responsives Verhalten der Mutter dem Säugling gegenüber zu erkennen ist, wird dieses positiv von dem Trainingsleiter verstärkt.

Die Evaluation dieses Interventionsprogrammes ergab, dass ein sensitives und responsives Verhalten der Mutter gefördert wurde, sowie ein positiver Effekt auf die Entwicklung einer sicheren Mutter-Kind-Bindung festgestellt werden konnte (vgl. Petermann und Wiedebusch, 2003, S. 92).

Prävention bei depressiven Müttern

Da depressive Mütter einen Risikofaktor für die emotionale Entwicklung der Kinder darstellen können, wurde ein Präventionsprogramm durch psychotherapeutische Intervention konzipiert. Durch diese Intervention soll eine emotionale Beziehung zwischen den Müttern und ihren Kindern aufgebaut und gefördert werden. Das Interventionsprogramm sieht ca. ein Mal wöchentliche Therapiesitzungen innerhalb eines Jahres vor, in denen der Therapeut die Interaktion zwischen der depressiven Mutter und ihrem Kind beobachtet und der Mutter darüber eine Rückmeldung gibt. Diese Rückmeldung soll der Mutter neue Wege in der Wahrnehmung der emotionalen Kommunikation zu ihrem Kind aufzeigen. Aufgrund einer Evaluationsstudie mit 63 Müttern konnte ein positiver Effekt auf die emotionale Kommunikation und der emotionalen Bindung zwischen der Mutter und dem Kind nachgewiesen werden. Zudem konnte die Bindungssicherheit von den Kindern durch dieses Interaktionsprogramm deutlich erhöht werden (vgl. Petermann und Wiedebusch, 2003, S. 93 f.).

Intervention bei minderjährigen Müttern mit bestehenden Risikofaktoren

Häufig handelt es sich um alleinerziehende, minderjährige Mütter, welche aus sozialbenachteiligten und bildungsfernen Familien kommen, sowie keinen Rückhalt und Unterstützung der Familie bekommen, bei denen eine Intervention von dem Jugendamt als geeignet oder notwendig gesehen wird. Diese jungen Mütter werden oftmals an eine ambulante Mutter-Kind-Betreuungen vermittelt, in welcher sie zu Hause bei der Versorgung und Förderung ihres Kindes innerhalb des ersten Jahres unterstützt werden. Wenn eine Überforderung bei der Pflege ihres Kindes festgestellt wird und die Mutter keinerlei Unterstützung von dem Vater oder ihrer Familie erhält, können auch stationäre Angebote, wie z.B. ein Mutter-Kind-Haus in Anspruch genommen werden, bzw. der Mutter vom Jugendamt nahe gelegt, wenn sonst eine Inobhutnahme des Kindes droht.

Der Verein Juvente in Mainz beispielsweise, für den ich seit vier Jahren arbeite, fördert in einem Eltern-Kind-Haus in Ingelheim die frühe Bindung zwischen jungen Müttern und ihren Babies. Diese meist minderjährigen Mütter werden in ihrem Alltag mit den Babies begleitet und unterstützt. Die wöchentlich angebotene PEKiP Gruppe, das Besprechen neuer Entwicklungsschritte ihrer Kinder und zahlreiche andere Übungen und Rituale sollen eine intensive Beschäftigung der Mütter mit ihren Kindern unterstützen.

Diese Auseinandersetzung der Mütter mit den kleinsten Entwicklungsschritten ihrer Kinder fördert ein einfühlsames Reagieren auf kindliche Signale, sowie eine stabile Mutter-Kind- Bindung.

Die Prävention gilt hier vor allem dem Kind (bereits während der Schwangerschaft bis hin zum ersten Lebensjahr), für welches genügend Schutzfaktoren aktiviert werden müssen, damit die bestehenden Risikofaktoren keinen negativen Einfluss auf die emotionale Entwicklung haben. Beispiele wie das Eltern-Kind-Haus und die angebotenen PEKiP- Gruppen sind die wohl frühstmöglich angesetzten sekundäre Präventionsmaßnahmen für das Verhindern emotionaler Entwicklungsstörungen, welche zur Zeit in Deutschland geleistet werden.

Prävention bei drohender Vernachlässigung, Gewalt, Missbrauch u.ä.

Für solche Fälle, in denen das Risiko der Vernachlässigung des Kindes, gewalttätigem Verhalten der Eltern oder eine andere Situation besteht, in der dem Kind Defizite in der Entwicklung drohen, steht den hilfesuchenden Eltern in Deutschland z.B. Erziehungsberatung zu. Dieser Rechtsanspruch auf Erziehungsberatung besteht gemäß § 27 i.V.m. § 28 SGB VIII und ist eine Präventionsmaßnahme, um Risikofaktoren innerhalb einer Familie zu erkennen und Entwicklungsdefizite und andere Schäden der Kinder zu verhindern. Die Beratung kann nicht nur von ratsuchenden Eltern, sondern auch von den betroffenen Kindern in Anspruch genommen werden, was bei gravierenden Fällen und älteren Kindern häufiger der Fall ist. Des weiteren wird im SGB VIII geregelt, dass Eltern einen Anspruch auf Erziehungsbeistand, gemäß § 27 i.V.m § 30 SGB VIII haben. Der Erziehungsbeistand oder auch Betreuungshelfer kann jederzeit von hilfesuchenden Eltern bestellt werden, damit dieser bei der Bewältigung von Entwicklungsproblemen des Kindes hilft. Ebenso haben die Eltern das Recht, eine sozialpädagogische Familienhilfe, gemäß § 27 i.V.m § 31 in Anspruch zu nehmen (vgl. SGB VIII, §§ 27 ff, S. 29 f.). Diese hilft den Eltern durch eine intensive Betreuung und Begleitung der Familie bei deren Erziehungsaufgaben, sowie der Bewältigung von Alltagsproblemen. Diese im SGB VIII geregelten Maßnahmen bieten überforderten, hilflosen und ratsuchenden Eltern die Chance, vor dem Eintritt von Defiziten bei dem Kind, Hilfe zu suchen. In Deutschland wird durch Reklame in Bussen, Bahnen u.ä. immer wieder auf Beratungsstellen hingewiesen, welche jederzeit von Eltern in Anspruch genommen werden können. Die im Gesetz geregelten Präventionsmaßnahmen sprechen vor allem die Eltern und Kinder an, bei denen bereits Risikofaktoren vorliegen und somit die Entwicklung des Kindes somit gefährdet ist.

Präventionsprogramm für Kinder mit erhöhtem Risiko

Für Kinder, welche ein erhöhtes Risiko für Störungen in der emotionalen Entwicklung aufweisen, z.B. durch Vulnerabilitäts- oder familiäre Risikofaktoren, wurden spezielle Präventionsprogramme zur Förderung der emotionalen Kompetenz entwickelt. Oftmals liegen bei diesen Kindern bereits Defizite in der Entwicklung vor, sodass die präventiven Trainingsprogramme diese Defizite bestmöglichst zu reduzieren und weitere Schädigungen zu verhindern versuchen. Petermann und Wiedebusch (2003) stellen ein Trainingsprogramm namens „Mental State Teaching“ vor, das speziell für Kinder mit Autismus, welche ein erhöhtes Risiko aufweisen, entwickelt wurde und das Emotionsverständnis dieser Kinder verbessern soll. Das Trainingsprogramm ist in fünf Stufen untergliedert, in denen jeweils bestimmte Aufgaben mit den Kindern durchgeführt werden. Vor Beginn des Trainings werden individuelle Fertigkeiten der Kinder überprüft, um am Ende den wirklichen Effekt des Trainings feststellen zu können. In einer durchgeführten Evaluationsstudie mit 30 autistischen Kindern, welche acht Tage lang an halbstündigen Trainingseinheiten teilnahmen, konnten Lernerfolge nachgewiesen werden. Die Kinder, die an dem Training teilnahmen, konnten jedoch die erlernten Inhalte nicht auf andere Bereiche, welche nicht gefördert wurden, übertragen.

Ein weiteres präventives Trainingsprogramm für autistische Kinder ist das fünfteilige Computerprogramm: „Emotion Trainer“. Mit Hilfe dieses sollen die Kinder lernen, Gefühle anderer Personen zu erkennen und vorherzusagen. Der Emotion Trainer ist in fünf Teile untergliedert, wobei das Kind 20 Items richtig beantworten muss, um in den nächsten Programmteil zu gelangen. In einer Evaluationsstudie mit elf autistischen Kindern, welche zwei Wochen lang an zehn halbstündigen Computersitzungen teilnahmen, konnten signifikante Verbesserungen des Erkennens von emotionalen Gesichtsausdrücken und emotionalen Situationen festgestellt werden (vgl. Petermann und Wiedebusch, 2003, S. 189 f.).