Einfluss der Mutter-Kind- Beziehung

line

Um abschließend zu diesem Kapitel auf die große Bedeutung der Mutter-Kind-Beziehung zurück zu kommen, sollte eine Erläuterung darüber erfolgen, was eine Mutter durch ihr Verhalten zu der emotionalen Entwicklung und Förderung der Emotionalen Kompetenz beitragen kann.

Rittelmeyer (2005) beschreibt, dass Forschungen immer wieder zeigen, dass die Mutter sich schon während der Schwangerschaft in einer Art und Weise mit ihrem Baby identifiziert wie es keiner anderen Person gelingt. Demnach müssten Experten und Professionelle erst erlernen, was Mütter intuitiv schon immer über den Umgang mit ihren Kindern wüssten. Wie bereits im Bezug auf die Pränatale Forschung erwähnt, gibt es zahlreiche Studien, die eine Art Konditionierung des Kindes im Mutterleib (z.B. durch erkannte Stimmen und Melodien) nachweisen konnten. So zeigten Neugeborene beispielsweise bei Liedern, welche die Eltern regelmäßig während der Schwangerschaft musizierten, besonders positive Reaktionen. Diese Untersuchungen zeigen, was für einen großen Einfluss bereits die Zeit der Schwangerschaft auf das Kind hat. Die Mutter kann das Baby also durch Reden oder Singen während der Schwangerschaft positiv prägen. Ebenso kommt es dem Fötus nachweislich zu Gute, wenn die Mutter keinem langanhaltenden, belastend empfundenen Stress ausgesetzt ist. Einige Forschungen, sowie die Bindungstheorie nach Bowlby, verdeutlichen, dass die Mutter den Ausgangspunkt für alle anderen Beziehung im Leben des Kindes darstellt (vgl. Rittelmeyer, 2005, S. 27 f. ; 72; 69 f.). Die frühe Interaktion zwischen der Mutter und dem Säugling ist also besonders prägend und setzt den Grundstein für weitere Beziehungen. Wie sieht eine konstruktive Mutter-Kind-Interaktion in den ersten Jahren aus?

Holodynski (2006) geht dieser Frage durch das Heranziehen zahlreicher Studien auf den Grund. Der Säugling ist zunächst völlig hilflos der Pflege und Zuwendung der Mutter ausgesetzt. So sei das Schreien die einzige Möglichkeit des Säuglings seine Mutter zum motivdienenden Handeln zu veranlassen. Wenn der Säugling frühzeitig die Erfahrung macht, dass darauf nicht reagiert wird, kann diese negative Erfahrung sehr prägend sein. (vgl. Holodynski, 2006, S. 58; Berking, 2008, S12). Nach diesen Erkenntnissen sollte auf die „Hilferufe“ des Kindes liebevoll reagiert werden, damit der Säugling keine Erfahrung der Kontrolllosigkeit macht. Holodynksi beschreibt Studien, in denen die Reaktionen der Eltern beobachtet wurden, wenn sie das Schreien von Säuglingen hören. Es wurde eine Ausschüttung von Stresshormonen nachgewiesen, wenn die Eltern dem Drang, dem Säugling zu helfen, nicht nachkommen konnten. In den meisten Fällen verspüren die Mütter einen intuitiven Drang ihr Baby zu beruhigen und es zu trösten.

Im Bezug auf das Weinen der Säuglinge fanden Bell u. Ainsworth (1972) durch Studien heraus, dass Säuglinge, deren Mütter in den ersten Lebensmonaten sehr feinfühlig und liebevoll reagiert hatten, zum Ende des ersten Lebensjahres viel weniger weinten als andere (vgl. Holodynski, 2006, S. 58; 115). Eine besonders prägende Interaktion zwischen dem Mutter und dem Säugling ist die zuvor bereits erwähnte Face-to-Face-Interaktion, welches in den ersten Monaten eine wichtige Kommunikationsmöglichkeit darstellt und die emotionale Entwicklung des Säuglings positiv beeinflussen kann. Das gegenseitige Spiegeln von Ausdruckszeichen ist eine bedeutende Übung für die Säuglinge, um später emotionale Ausdruckszeichen einschätzen und interpretieren zu können. In den späteren Monaten findet bei dem Säugling eine Rückversicherung bei der Mutter statt, d.h. der Säugling blickt zu seiner Mutter, wenn eine Situation entsteht, die ihn verunsichert.

Wenn die Mutter dem Säugling durch ihren Gesichtsausdruck (wie z.B. durch ein Lächeln) versichert, dass alles in Ordnung ist, zeigt sich der Säugling beruhigt. Diese Interaktion bringt dem Säugling bei, wie er sich in bestimmten Situationen verhalten soll und stärkt das Vertrauen in seine Mutter, die ihn dabei unterstützt (vgl. Holodynski, 2006, S. 64 f.; 101 f.).

Die Sensitivität der Mutter hat einen großen Einfluss auf Bindungsqualität zwischen dem Kind und ihr. Wenn die Mutter das Bedürfnis nach Geborgenheit, Kontakt und Zuneigung befriedigt, entsteht eine sichere Bindung, welche einen positiven Effekt auf die kindliche Entwicklung hat (wie z.B. Ausdruck überwiegend positiver Emotionen). Ebenso konnte nachgewiesen werden, dass Kinder, welche feinfühlige Eltern haben, weniger Stresshormone in stressigen Situtationen ausschütten als andere (vgl. Holodynski, 2006, S. 115 f.).

In den ersten Lebensjahren sollte die Mutter das Kind der Entwicklung entsprechend, bei der Emotionsregulation unterstützen und dem Kind mögliche Bewältigungsstrategien aufzeigen. Durch die Unterstützung der Mutter lernt das Kind angstfrei und offen mit problematischen Gefühlen umgehen zu lernen und erlangt dadurch weitere Bewältigungsstrategien. Weiß das Kind in einer bestimmten Situation nicht, wie es sich verhalten soll, werden oftmals die Strategien der Eltern beobachtet und erlernt. Demnach ist es nicht nur wichtig das Kind bei der Regulation zu unterstützen, sondern auch dem Kind effektive Emotionsregulationsstrategien vorzuleben (vgl. Berking, 2008, S.13 f.).

Bowbly (2005) verdeutlicht in dem bereits erwähnten Buch immer wieder die Bedeutung der liebevollen, kontinuierlichen Zuwendung der Mutter besonders in den ersten drei Lebensjahren. Somit erlangt das Kind in den frühen Jahren eine Art Urvertrauen, welches ihm die Sicherheit gibt, offen und angstfrei neue Beziehungen zu knüpfen und stressige Situationen gut zu meistern. Eine Mutter sollte ihr Kind in den ersten drei Lebensjahren nicht länger als drei Wochen ununterbrochen weggeben, da diese Mutterentbehrung, wenn auch nur für ein paar Wochen, erhebliche Folgen für die weitere emotionale Entwicklung mit sich bringen kann, so Bowlby (vgl. Bowlby, 2005, S. 14 f.).

Wittmann (2008) weist auf einen weiteren, wichtigen Aspekt im mütterlichen Verhalten gegenüber den Kindern hin. Die Mütter sollten demnach auf das Temperament des Kindes eingehen und z.B. bei sehr expressiven Kindern den Emotionsausdruck nicht noch weiter ermutigen, sondern hier eher auf eine gute Regulation der Emotionen einzugehen. Bei einem verschlossenen Kind könnte die Ermutigung des Emotionsausdruck hingegen konstruktiv sein. Da sich das Temperament des Kindes und das Verhalten der Mutter wechselseitig beeinflussen, sollte auf das Temperament sehr einfühlsam und verständnisvoll eingegangen werden. Des weiteren ist die Kommunikation über Emotionen innerhalb der Familie ausschlaggebend für die Entwicklung der Emotionskommunikation und des Emotionsvokabulars.

Diese Fähigkeit zur emotionalen Kommunikation sei die Basis für Intimität und Nähe, so Wittmann (vgl. Wittmann, 2008, S. 140 f.). Die Kommunikation über Emotionen beginnt ab dem 18. Monat meist mit der Verbalisierung der Emotionen des Kindes von Seiten der Mutter. In den weiteren Monaten können die Mütter bereits einfache Gespräche über Emotionen mit ihren Kindern führen und ihnen beispielsweise die Gefühle und Wünsche von ihnen selbst oder anderen Personen (z.B. anhand eines Bilderbuchs) erklären. Untersuchungen zeigten deutlich, dass Kinder, deren Eltern häufig mit ihnen über Gefühle redeten, ein größeres Reportoire an Emotionswörtern, sowie ein ausgeprägteres Emotionswissen und –verständnis aufweisen (vgl. Petermann und Wiedebusch, 2003, S. 78 f.). Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Mütter die Entwicklung emotionaler Kompetenz fördern, wenn sie ihre eigenen Emotionen offen ausdrücken, ein gutes Familienklima schaffen, welches einen offenen und toleranten Umgang mit Emotionen fördert, unmittelbar auf Gefühlsäußerungen der Kinder reagieren und es bei der Bewältigung negativer Emotionen unterstützen, jedoch zunehmend die eigenständige Regulation fördern. Des weiteren kann die Empathiefähigkeit der Kinder durch ein häufig gezeigtes Mitgefühl der Mutter, sowie durch einen Erziehungsstil, welcher die Kinder dazu auffordert die Bedürfnisse anderer Menschen zu respektieren, gefördert werden (vgl. Petermann und Wiedebusch, 2003, S. 86).

Abschließend sollte meinerseits angemerkt werden, dass die Mutter-Kind-Beziehung zwar eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung emotionaler Kompetenz spielt, jedoch auch berücksichtigt werden muss, dass diese Entwicklung durch ausreichende Schutzfaktoren selbst bei Mutterentbehrung oder einer unstabilen Mutter-Kind-Beziehung gewährleistet werden kann. Eine andere primäre Bezugsperson wie z.B. der Vater, eine Betreuerin in der Kita, eine Pflegemutter o.ä. , welche verantwortungsvoll und liebevoll mit dem Kind umgeht, kann dieses ebenfalls entscheidend in der emotionalen Entwicklung unterstützen und fördern.