Bindungs – Forschung

line

Um die Beziehung zwischen der Mutter und dem Kind weiter zu untersuchen, scheint es unumgänglich zu sein, auf die Bindungsforschung von Bowlby einzugehen, welche die Rolle der Mutter im Leben des Kindes verdeutlicht. Die durchgeführten Studien von Bowlby gaben Aufschluss über den großen Einfluss der Mutter auf die emotionale Entwicklung und die damit zusammenhängende Ausbildung der emotionalen Kompetenzen des Kindes.

Nach der Bindungstheorie von Bowlby wird die Bindung zwischen der Mutter und dem Kind damit begründet, dass dies zum Zweck der Überlebenssicherung sei. Die Bindung sichere dem hilflosen Neugeborenen den notwendigen Schutz durch die Mutter. Das Bindungsverhalten sei genetisch bedingt und für das Herstellen und Aufrechterhalten der Nähe zwischen dem Säugling und der Mutter oder primären Bezugsperson verantwortlich (vgl. von Salisch, 2002, S. 100). Unter dem Wort Bindung verstand Ainsworth (1974), eine Schülerin von Bowlby, ein „unsichtbares“, gefühlsmäßiges Band zwischen zwei Wesen. Die Basis dieser Bindung besteht von Seiten des Kindes aus dem Verlangen nach der primären Bezugsperson (meistens der Mutter) und von Seiten der primären Beziehungsperson aus dem Fürsorge- und Pflegeverhalten, sowie dem Schutzverhalten. Die Bindungstheorie geht davon aus, dass das Bindungsbedürfnis biologisch bedingt ist und es das Ziel des Bindungsverhaltens ist, räumliche und psychische Nähe herzustellen, um emotionale Sicherheit zu erlangen. Hierbei spielt der Emotionsausdruck eine wichtige Rolle, indem das Kind beispielsweise Bedürftigkeit signalisiert, so dass die primäre Bezugsperson die Nähe wiederherstellt (vgl. Wittmann, 2008, S. 63).

Die Bindungstheorie nach Bowlby wird in zahlreichen Literaturquellen bezüglich der Mutter- Kind-Bindung vorgestellt und scheint die Bindungsforschung wie kaum eine andere geprägt zu haben. Bowlby (2005) bezieht sich in seinem Buch „Frühe Bindung und kindliche Entwicklung“ ausschließlich auf die Mutter-Kind-Beziehung und nicht Vater-Kind- oder Eltern-Kind-Beziehung. Diese Eingrenzung begründet er damit, dass sich fast das gesamte Beweismaterial seiner Studien auf die Mutter-Kind-Beziehung stütze (vgl. Bowlby, 2005, S.13). Mittlerweile gibt es in der Bindungsforschung auch Untersuchungen, die andere Bezugspersonen (wie z.B. den Vater) miteinbeziehen und deren Einfluss auf die Kinder untersuchen, jedoch scheinen die Ergebnisse noch nicht so repräsentativ zu sein wie die zahlreichen Studien über die Mutter-Kind-Beziehung.

In dem bereits erwähnten Buch von Bowlby (2005) werden überwiegend die Folgen der Mutterentbehrung behandelt, was den Mangel an einer Mutter-Kind-Beziehung beschreibt. Der Begriff kann bedeuten, dass ein Kind ohne die Mutter (z.B. in einem Heim) groß wird oder auch dass ein Kind bei der Mutter lebt, jedoch nicht die notwendige mütterliche Zuwendung von dieser erhält. Die Bedeutung der Mutter-Kind-Beziehung kann, den Forschungen zufolge, scheinbar am besten verdeutlicht werden, wenn man sich die Folgen einer nicht existierenden Beziehung zwischen Mutter und Kind ansieht.

Bowlby (2005) bezieht sich auf vielerlei Studien in unterschiedlichen Bereichen (wie z.B. im Heim) in denen Mutterentbehrung bei Säuglingen und Kleinkindern beobachtet und untersucht werden konnten. Die Studien stimmen überein, dass eine totale Mutterentbehrung bei Kindern zu einer Beeinträchtigung der physischen, intellektuellen, emotionalen und sozialen Entwicklung führen kann. Im Bezug auf die Untersuchungen in Heimen hebt Bowlby die schädlichen Wirkungen der Mutterentbehrung auf den Säugling hervor (vgl. Bowlby, 2005, S.18 f.).

Rittelmeyer (2005) beschreibt, dass es bei der Bindung nicht nur um die emotionale Beziehung zwischen Mutter und Kind geht, sondern auch um bestimmte Interaktionskompetenzen, welche die Grundlage für den Dialog zwischen der Mutter und dem Kind sei. Innerhalb dieser Mutter-Kind-Interaktionen mache der Säugling ganz entscheidende Lernerfahrungen. Rittelmeyer macht immer wieder auf die Intuition von Müttern aufmerksam, die Bedürfnisse des Säuglings zu erkennen und in der richtigen Weise mit ihm umzugehen (Rittelmeyer, 2005, S. 62 f.).

Nach Bowlby wird zwischen vier Phasen in der Entwicklung von Bindung unterschieden:

0-3 Monate: Diese erste Entwicklungsphase ist charakterisiert durch Signale wie Schreien, wobei der Säugling nicht zwischen den Personen unterscheidet.

3.-6. Monat: In der zweiten Phase richten sich die Signale des Säuglings auf eine oder mehrere Personen.

6 Monate bis 3 Jahre: Durch Fortbewegung und durch Signale wird in dieser Phase das Aufrechterhalten von Nähe zu einer bestimmten Person gesucht.

ab dem 4. Lebensjahr: In der vierten Phase bildet sich eine komplexe Bindungsbeziehung zwischen dem Kind und der Mutter (beziehungsweise der Betreuungsperson).

Bei diesen Phasen muss berücksichtigt werden, dass für die Herausbildung einer emotionalen Bindung (vor allem im Verlaufe des ersten Lebensjahres) die Antworten der Mutter auf die Signale des Kindes besonders bedeutsam sind. Abhängig von der Qualität der mütterlichen Antwort auf die kindlichen Signale, entwickelt sich die Art der Bindung (Bindungstyp) (vgl. von Salisch, 2002, S. 101).

Bindungstypen

Die unterschiedlichen Bindungstypen, auf welche ich im Weiteren eingehen werde, spielen eine wichtige Rolle für die Entwicklung der emotionalen Kompetenz. Die Qualität der Bindung zur Mutter wird durch die Einteilung in eines der Bindungstypen beschrieben.

Diese Bindungsqualität (oder der jeweilige Bindungstyp) bestimmt auch die Mutter-Kind- Beziehung und kann je nach Bindungstyp das Kind in seiner emotionalen Entwicklung fördern oder hemmen. Ainsworth führte zahlreiche Versuche durch, wie z. B. der „fremden Situation“, in der eine Mutter mit dem Kind in einem fremden Raum spielt, dann diesen ohne das Kind verlässt und eine fremde Person hinzu kommt. Anschließend wurde beobachtet, wie das Kind reagiert, wenn die Mutter zurückkommt. Bei diesem Versuch und vielen anderen Studien konnte Ainsworth drei unterschiedliche Formen des Bindungsverhaltens beobachten (vgl. Rittelmeyer, 2005, S. 70).

Sichere Bindung

Unter sicher gebundenen Kindern versteht man in der Regel solche, welche die Erfahrung von zuverlässiger Nähe und Schutz in dem ersten Lebensjahr machen. Diese sicher gebundenen Kinder zeigen in der „fremden Situation“ bei der Rückkehr der Mutter Freude und Erleichterung (vgl. Rittelmeyer, 2005, S. 70; von Salisch, 2002, S. 101).

Unsichere Bindung

Eine unsichere Bindung besteht dann, wenn die Bezugsperson das Bedürfnis der Kinder nach Nähe, Schutz und Trost häufig zurückweist. Diese Kinder entwickeln meist eine unsicher-vermeidende Bindungsbeziehung, da sie auf das Verhalten ihrer Bezugsperson reagieren, indem sie es vermeiden ihre Gefühle und Bedürfnisse offen zu zeigen (vgl. von Salisch, 2002, S.101).

Innerhalb der „fremden Situation“ verhalten sich unsicher gebundene Kinder abweisend der Mutter gegenüber, drehen ihr z. B. den Rücken zu, wenn diese zurück kommt (vgl. Rittelmeyer, 2005, S.71).

Ambivalente Bindung

Die ambivalente Bindung ist dadurch gekennzeichnet, dass die Mütter in ihrem Verhalten ambivalent sind, d.h. das eine Mal trösten sie ihr Kind, das andere Mal ignorieren sie dieses. Dieses Verhalten der Mütter löst somit ebenfalls ambivalente Gefühle der Kinder aus (z.B. weinen die Kinder, wenn ihre Mütter weggehen – wenn diese zurück kommen, zeigen sie jedoch Abneigung).

In späteren Forschungsarbeiten wurde noch die desorientierten / desorganisierte Bindung beobachtet. Diese bedeutet, dass im Gegensatz zu den bisher erwähnten Bindungstypen keine Strategie bei dem Verhalten des Kindes zu erkennen ist. Der desorientierte Bindungstyp entsteht bei Kindern aufgrund von Misshandlungen, psychisch traumatisierten Eltern oder inkompetenten Eltern. (vgl. von Salisch, 2002, S. 101; Rittelmeyer, 2005, S. 70 f.; Franz und West-Leuer, 2008, S.45).

Gerhardt (2006) beschreibt den desorganisierten Bindungstyp als am „äußersten Ende“ auf der Skala emotionaler Fehlregulationen liegend, da dem Kind keinerlei einheitlichen Strategien zur Bewältigung von Gefühlen beigebracht wird. Desorganisierte Kindern fällt es schwer derartige Bewältigungsstrategien zu entwickeln, da die Mütter den Kindern oftmals abverlangen, dass sie ihre Gefühle selbst regulieren, auch wenn dies aufgrund der Entwicklung noch garnicht möglich ist (vgl. Gerhardt, 2006, S. 173 f.).

Wittmann (2008) verdeutlicht in diesem Zusammenhang, dass Kinder mit einer sicheren Bindung generell mehr positive Emotionen zeigen als unsicher gebundene Kinder. Somit ist eine sichere Bindung förderlich für die Entwicklung bestimmter emotionaler Kompetenzen (vgl. Wittmann, 2008, S.83). Die unterschiedlichen Bindungstypen verdeutlichen, welch erheblichen Einfluss das mütterliche Verhalten dem Kind gegenüber hat. Das Kind versucht bestmöglichst mit dem Verhalten der Mutter umzugehen und entwickelt dadurch das genannte Bindungsverhalten als Bewältigungsstrategie. Um die Qualität dieses Bindungsverhaltens und die Entwicklung emotional, kompetenter Fähigkeiten zu begünstigen sollte somit eine sichere Bindung zur Mutter vorliegen.

Da Kinder zu verschiedenen Personen ein unterschiedliches Bindungsverhalten haben können ist es wichtig zu erwähnen, dass im Falle einer beispielsweise unsicheren Bindung zur Mutter, eine sichere Bindung zum Vater vorliegen kann, was sicherlich nicht die Bedeutung der Mutter-Kind-Bindung ersetzt, jedoch ebenso einen begünstigenden Faktor für die emotionale Entwicklung darstellen kann.